Das Land der Land Rover

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Weit hinten im östlichen Himalaja liegt die kleine, nebelverhangene indische Stadt Maneybhanjang. Sie unterscheidet sich nicht groß von den vielen anderen Städten dort – mit einer Ausnahme: Sie ist ein lebendes Land Rover Museum. Wir waren an diesem besonderen Ort.

Pemba Tamang trägt ein breites Lächeln im Gesicht. Es zeigt sehr deutlich, dass er in seinem Element ist. Was man von mir weniger sagen kann. Ich sitze mit ihm in seinem wettergegerbten Land Rover der Serie I, während er eine gewundene Himalaja-Straße hochjagt. Sie führt von der winzigen indischen Bergstadt Maneybhanjang hoch zum Trekking-Paradies Sandakphu an der nepalesischen Grenze. Auf den ersten 8 km haben wir uns bereits knapp 700 Höhenmeter hochgearbeitet, doch auf den nächsten 24 km werden noch weitere 4 000 hinzukommen – und das alles im ersten Gang. Der heulende Dieselmotor macht eine Unterhaltung fast unmöglich. Fürs Erste bleibt es also beim Lächeln.

Pemba (Mitte) hat für die schwierigen Bedingungen nur ein Lächeln übrig. Er manövriert seinen Serie I souverän die schmale, mit Haarnadeln gespickte Straße hoch.

Die schmale Straße ist eine ständige Abfolge von Haarnadelkurven. Nepal zieht an uns vorbei, manchmal zu unserer Linken, dann wieder zu unserer Rechten. Ein Anfänger würde in einem Modell der Serie I ohne Servolenkung manche Biegung falsch einschätzen, zurückstoßen und die Kupplung beim Versuch, vom Berg anzufahren, zum Qualmen bringen. Nicht so Pemba. Er nimmt die Kurven souverän mit langjährig trainiertem Körpergedächtnis und dem aufrichtigen Glauben, dass die Buddhafigur auf dem Armaturenbrett sein Land Rover Fahrzeug schon sicher nach oben bringen wird.

Nach etwa 10 km geht die Betonstraße in einen mit fußballgroßen Steinen übersäten Weg über. Damit der alte Landy seine Pflichten als Lastesel mit bis zu 800 kg Zuladung erfüllt, hat man ihm verstärkte Blattfedern verpasst. Beim Entladen wippt er deshalb wie ein Känguru auf einem Springstock, klappert aber zu meinem Erstaunen kaum.

Das übernehmen meine Zähne, als wir die sogenannte Straße entlanghüpfen, vorbei an Rhododendronwäldern und durch wogenden Nebel. Mit Vierradantrieb bleibt das Land Rover Fahrzeug so gelassen wie sein dauerlächelnder Fahrer, sodass wir stetig vorankommen. Und auch wenn uns wegen des dicken, kühlen Nebels der Blick auf Kanchenjunga, den dritthöchsten Berg der Welt, verwehrt bleibt, so hat das Auto doch bewiesen, dass es den Himalaja zu meistern versteht.

Es dämmert mir, dass alles, was länger oder nicht so robust ist wie die Wagen der Serie I und II, die Windungen nicht halb so locker nach oben schwingen würde. Kein Wunder, dass diese Haudegen jahrzehntelang die einzigen Fahrzeuge waren, die den alten Pony Trail meisterten. 42 von ihnen haben bis heute überlebt.

Sie sind der Grund, warum es mich in diesen entlegenen Distrikt drei Fahrstunden vom nächsten Flughafen, Bagdogra, entfernt verschlagen hat: Ich soll herausfinden, inwieweit dieses Modell von schlichter Schönheit die Geschicke eines indischen Städtchens geprägt hat.

Die Serie I ist unglaublich zäh. Die Karosserie rostet nicht. Und sie ist einfach zu reparieren.

Eine neue Ära

Nach Indien gebracht haben die Fahrzeuge die Dewars Garage and Engineering Works in Kalkutta. Diese örtliche Vertretung der Rover Company importierte und verkaufte rund 1 000 Stück an britische Teeplantagen in Westbengalen, Assam und anderen Bundesstaaten des Nordostens. Als britische Unternehmen dem Land nach Erlangung der Unabhängigkeit den Rücken kehrten, wurden viele der Fahrzeuge im etwa drei Fahrstunden entfernten Siliguri versteigert.

Die ersten Land Rover Modelle kamen 1958 nach Maneybhanjang. Bis dahin war das Leben hier sehr hart gewesen, vor allem für die Ponys, mit denen Lasten in entlegene Himalaja-Siedlungen gebracht wurden. Die 4×4-Offroader erwiesen sich als überaus verlässlich und waren obendrein wesentlich schneller als die Lasttiere, sodass man in Maneybhanjang im Lauf der nächsten 36 Jahre geschätzt weitere 300 Exemplare erwarb.

Bei einem Bummel durch die Hauptstraße von Maneybhanjang fallen mir sogleich die geparkten Modelle der Serie I und II ins Auge. Sie sehen aus, als hätten sie ein hartes Leben hinter sich: Der Lack der meisten ist bis auf das blanke Metall abgescheuert, und die Reifen haben ihr Ablaufdatum schon lange hinter sich. Aber sie sind gut in Schuss und tragen allerlei Aufkleber von ‘Great Britain’ über ‘England Rover’ und ‘Manchester Rules’ bis hin zum rätselhaften ‘Chocolate Boy’ und dem passenden ‘Life Line’, zu Deutsch „Rettungsleine“.

Maneybhanjang ist mit seinen 2 500 Einwohnern eine Touristenstadt. Drei Hotels und zahlreiche Pensionen beherbergen Trekker, die sich 30 km ins Gebirge hochkämpfen, um die spektakuläre Aussicht vom San­dakphu zu genießen. Jahrzehntelang transportierten die Land Rover Fahrzeuge Mensch und Material zwischen den Städten hin und her und waren der Motor der Wirtschaft von Maneybhanjang.

Stadtlegenden

„Ich verdanke alles dem Land Rover Modell“ erklärt mir Passang Ramba, einer der ältesten Fahrer hier. Seit den 1970er-Jahren transportiert er zweimal täglich Ladung nach Sandakphu und fährt mit Kartoffeln für den Markt von Maneybhanjang wieder zurück. Keine schlechte Leistung: Früher brauchte man für die 60 km hin und zurück gut und gerne sieben zermürbende Stunden. Inzwischen sind zwei Drittel der Straße geteert und betoniert. Das macht die Fahrt zwar etwas bequemer, wegen der Enge und Steigung aber nicht viel schneller.

„Die Serie I ist unglaublich zäh“, schwärmt Passang. Ihre Langlebigkeit verdankt sie seiner Meinung nach der Alukarosserie und dem simplen Getriebe. „Die Karosserie rostet nicht und braucht auch nicht in einer Garage zu stehen, was in einer so beengten Stadt ein teurer Luxus ist. Moderne Geländewagen mit ihren Stahlkarosserien müssen mehr gepflegt werden.“

Passang ist einer der ältesten Land Rover Fahrer in Maneybhanjang. Er ist überzeugt, dass kein anderes Fahrzeug hier bestehen kann.

Er ist überzeugt, dass moderne Modelle die ständige Belastung nicht mehr überstehen würden. Und wer bin ich, dass ich diesem engagierten Mann widersprechen würde. Durch harte Arbeit und Fleiß hat er erreicht, dass eine Tochter inzwischen einen Doktortitel aus Oxford trägt, ein Sohn gerade seinen Master in Australien macht und ein drittes Kind in die nahe gelegene Schule geht? Ich fange an zu verstehen, wie die Serie I das Leben der Menschen hier von Grund auf verändert hat.

Akbar kann angeblich fast jedes mechanische Problem lösen – dank seiner enormen Erfahrung und dem riesigen Ersatzteilarsenal in seiner Werkstatt.

Kurz darauf sitze ich auf einem schwarzen Holzstuhl in einer Werkstatt mit Regalen voller alter Land Rover Ersatzteile. Akbar ist schon über 50, aber die Falten in seinem Gesicht verschwinden, sobald er mir die vielen Ritzel, Zahnräder, Kupplungsteile, Dichtungen, Keilriemen und drei komplette Motoren zeigt. Er befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit der Serie I und hält die Land Rover Population von Maneybhanjang praktisch am Laufen. Nur drei Exemplare hier fahren noch mit dem Original-Benzinmotor, erklärt er mir. Aus einem einfachen Grund: Diesel ist in Indien wesentlich billiger als Benzin – und Dieselmotoren fahren im Gebirge mit hohen Drehzahlen, ständigen Steigungen und Offroad-Bedingungen einfach wirtschaftlicher.

„Nur die Land Rover Modelle überleben hier, weil sie so einfach zu reparieren sind“, so Akbar. Er zeigt mir eine Getriebewelle fast ohne Zähne. „Das ist ganz oben passiert. Aber der Fahrer hat es bis in die Werkstatt geschafft.“ Ich starre ungläubig auf die fast blanke Welle – mit diesen Zähnen kann man nicht einmal mehr in eine gekochte Kartoffel beißen und schon gar nicht einen voll beladenen Serie I heimbringen. „Heutige Modelle“, fügt Akbar hinzu, „haben elektronische Systeme, die man bei uns fast nicht reparieren kann.“

„ Akbar ist hier der Land Rover Papst. Und stolz darauf.“

Akbar, der nie in die Schule gegangen ist, kennt nicht die korrekten Namen der Teile, die er reparieren muss. Aber dank seiner enormen Erfahrung und seines Geschicks versteht er sofort, wo das Problem liegt und wie man es behebt. Später erfahre ich, dass es zwar noch andere Mechaniker in der Gegend gibt, die alte Land Rover Modelle reparieren können. Aber bei schwierigen Problemen wenden sie sich alle an Akbar. Er ist hier der Land Rover Papst. Und stolz darauf. „Die Zeiten sind hart“, meint er. „Aber wenn man von weither kommt und mich um Rat fragt, freut mich das sehr.“

Am Scheideweg

2004 gründeten die Fahrer die Singalila Land Rover ­Owners Association. Sie wird von Chandan Pradhan geführt. Ich treffe ihn in einem Zimmer hinter seinem Laden. Hauptziel des Vereins, erzählt er mir, ist die Unterstützung der Fahrer. Wenn etwa ein Mitglied krank wird oder ärztliche Behandlung braucht, legen alle zusammen und gewähren ihm ein zinsfreies Darlehen. Außerdem ist die Arbeit gleichmäßig verteilt: Hat ein Fahrer einen Auftrag, ist er erst wieder an der Reihe, wenn die anderen 41 ebenfalls zum Zug gekommen sind. Dieses genossenschaftliche System funktioniert: Alle Kinder der Fahrer gehen in die Schule und, so erzählt Chandan stolz, „die Männer können sich Geschenke für ihre Frauen leisten. Die alten Land Rover Fahrzeuge machen es möglich.“

Die Stadtverwaltung möchte die alten Vehikel loswerden, weil sie nicht mehr modernen Emissionsvorgaben entsprechen. Doch es gibt Hoffnung, meint Chandan, weil „wir von höchsten Kreisen unterstützt werden.“ Selbst die Grenzpolizei nutzt sie zur Versorgung ihrer Außenposten. Nichts ist zuverlässiger.

Zudem möchte die Regierung die Straße durchgehend teeren, damit auch weniger robuste Fahrzeuge es bis Sandakphu schaffen. Doch das will man hier gar nicht. Dawa Tenzin gehört zu den jüngsten Fahrern in 
Maneybhanjang. Der wortgewandte Uniabsolvent kehrte zurück in seine Heimat, um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. „Sicher, die entlegensten Dörfer in Indien kämpfen für bessere Straßen. Aber die Piste nach Sandakphu sollte eine Herausforderung bleiben“, meint er.

„Wer hierherkommt, will Abenteuer erleben. Und die schwierige Straße ist ein wichtiger Teil dieses Abenteuers. Wenn sogar Kombis sie befahren können, haben wir mehr Touristen und mehr Geld – aber auch mehr Verschmutzung, Lärm und Müll. Die Stadt verliert ihren Zauber. Und ihre Land Rover Fahrzeuge. Dann wird Maneybhanjang nicht mehr das sein, was es mal war.“

Er hat recht. Ich war drei Tage hier und begreife, wie wichtig die Serie I für den Ort ist, der ohne sie irgendeine anonyme Himalaja-Stadt geblieben wäre. Etwas Besonderes ist Maneybhanjang nur durch seine Fahrzeuge aus dem Hause Land Rover geworden.

„Wenn die Land Rover Modelle verschwinden, geht mit ihnen ein wichtiger Teil von Maneybhanjang.“

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