Der innere Kompass

adventure stories

Der Amur schlängelt sich endlos durch die mongolische Grassteppe und Russland. Im E.O.F.T. Abenteuer lernen Amber Valentin, Becca Dennis, Sabra Purdy und Krystle Wright die verschiedenen Gesichter des Flusses kennen. Abends schlagen sie wie Nomaden die Zelt auf.

Dunkle Wolken ziehen über der mongolischen Steppe auf. Sie werfen ihre Schatten über vier Kajaks, die am steinigen Flussufer des Onon liegen. Vier Frauen, die sich nach einem geeigneten Zeltplatz umsehen, wissen, dass ihnen die Zeit davonläuft. Doch noch bevor die ersten Regentropfen auf den Boden fallen, haben sie ihr Zelt aufgebaut und können unter sein schützendes Dach kriechen. Amber Valenti, Becca Dennis, Sabra Purdy und Krystle Wright sind Nomaden auf Zeit. Vier Frauen, die den wilden Osten kennen lernen wollen.

Für alle ist es ein Sprung ins kalte Wasser: die erste große eigene Expedition. Sie möchten mit den Kajaks 900 Kilometer flussabwärts zu paddeln, von der Quelle des Onon bis zur seiner Mündung in den Pazifik. Ihre zweimonatige Reise beginnt in der Mongolei, auf einem Fluss, der sich in malerischen Bögen durch die Weite der Steppe windet. Später, auf russischem Boden, wird der Fluss Amur heißen und ihnen ein ganz anderes Gesicht zeigen. Doch vielleicht ist es gut, dass sie noch nicht wissen, was sie viele Kilometer flussabwärts erwartet. Denn neben Campingausrüstung und Proviant haben sie noch etwas an Bord, das genauso schwer wiegt wie ihr ganzes Gepäck und sie davon abhält, die wilde Schönheit der mongolischen Steppe voll und ganz zu genießen.

Kurz vor ihrer Abreise aus den USA ist Beccas langjähriger Freund und Lebenspartner Zac völlig unerwartet bei einem Paragliding-Unfall ums Leben gekommen. Becca hatte sich trotzdem entschieden, die Reise in die Mongolei anzutreten. Um nicht mit ihrer Trauer allein zu sein und auch, um als erfahrenste Kajakerin im Team ihre Freundinnen nicht im Stich zu lassen.

Die Mongolei ist einer der am dünnsten besiedelten Staaten der Welt. Nur drei Millionen Menschen leben hier auf einer Fläche, die viereinhalb Mal so groß ist wie Deutschland. Seine einzigen Nachbarn sind China im Süden und Russland im Norden.
Frühnebel auf dem Amur: Im Morgenlicht empfindet Amber die Mongolei als besonders magisch und geheimnisvoll.

Die erste Begegnung mit den Einheimischen zeigt, wie unterschiedlich die Uhren im Osten und im Westen der Welt ticken. Die mongolischen Nomaden sind scheu, aber sehr hilfsbereit und freundlich: Ja, natürlich, sie wollen die vier Frauen zur Quelle des Onon bringen. Doch mit dem GPS-Gerät und mit den längst veralteten sowjetischen Karten können sie nichts anfangen. Sie verlassen sich stattdessen darauf, dass sie „Mutter Onon“ nur mit Hilfe ihres sogenannten „Holbohs“, einer Art Intuition, finden werden. Amber ist diese Art der Orientierung zunächst suspekt. Doch je länger sie auf dem Fluss unterwegs ist, begreift sie, dass man sich viel öfter einfach mal treiben lassen sollte: „Wir im Westen müssen immer auf ein Ziel fokussiert sein – die Nomaden sind viel entspannter. Sie schauen einfach, was passiert und lassen den Dingen ihren Lauf.“

Die mongolischen Führer bringen sie mit Pferden zur Quelle des Flusses.

Vielleicht ist es die Landschaft mit ihrer allumfassende Stille, die so beruhigend auf ihre Bewohner einwirkt und die ihre Besucher daran zweifeln lässt, dass es überhaupt noch andere Menschen auf der Welt gibt. Es scheint, als läge ein Zauber über diesem Ort, den man zwar nicht beschreiben aber umso deutlicher fühlen kann.

Nach nur 22 Tagen und 500 Kilometern nehmen die vier Frauen Abschied vom Onon. Um in Russland einreisen zu dürfen, müssen sie in der mongolischen Hauptstadt eine ganze Reihe von Formalitäten erledigen. Schon allein die Vorstellung, sie könnten sich mit einem dicken Bündel Schmiergeld bewaffnet auf dem Fluss bis nach Russland durchschlagen, scheint absurd.

Kein Verkehrslärm stört die mongolische Ruhe, in der Steppe gibt es keine Straßen. Nicht einmal Flugzeuge sind zu hören.

In Ulan Bator trifft Becca eine Entscheidung. Sie wird die Expedition abbrechen und zurück in die USA fliegen. Amber, Sabra und Krystle nehmen nur ungern Abschied. Nach drei Wochen auf dem Fluss sind sie zu einer kleinen verschworenen Gemeinschaft zusammengewachsen. Sie haben gemeinsam gelacht und geweint und Becca über die schwersten Stunden hinweggeholfen. Aber die nächste Etappe werden sie ohne Beccas Hilfe meistern müssen. Amber, Sabra und Krystle nehmen die transsibirischen Eisenbahn nach Khabarovsk. In Russland angekommen erkennen sie ihren Fluss fast nicht wieder. Der Amur ist bedrohlich breit geworden und durch seine vielen Seitenarme und Nebenflüsse nahezu unübersichtlich. Dennoch packen sie im Hafen von Khabarovsk ihre Kajaks wieder aus und paddeln den Amur weiter flussabwärts. Ab hier ist der Fluss ein Abwasserkanal der russischen Industrie. Weil die drei Frauen nicht genau wissen, welche Giftstoffe um sie herum im Wasser treiben, sind sie vorsichtig geworden. Alles wird abgekocht, was mit Amur-Wasser in Berührung gekommen ist. Einen Fisch aus dem Fluss zu essen, was hier für viele Einheimische ganz normal ist, kommt für Amber, Sabra und Krystle überhaupt nicht in Frage: „Die Russen hier sind sehr nett. Sie haben uns Fische aus dem Amur angeboten, die wir aber leider höflich ablehnen mussten.“ Der Kontrast zwischen dem Beginn der Reise und ihrem letzen Abschnitt hätte nicht größer sein können. Auch fällt es Amber viel schwerer, sich mit den Russen zu verständigen: „Da wir nicht so Russisch gut sprechen konnten, haben wir oft versucht, ihre Körpersprache und Gesichtsausdrücke zu deuten. Doch die Menschen in dieser Gegend tragen ihre Gefühle nicht offen im Gesicht.“

ONON UND AMUR
Der Onon entspringt im Naturschutzgebiet Khan Khentii im Norden der Mongolei und findet in den Amur, mit dem er das drittlängste Flusssystem der Welt bildet, das noch frei von der Quelle zu seiner Mündung fließen kann. Der Amur fließt ins Ochotskische Meer, ein Randmeer des Pazifischen Ozeans. Auf seiner Länge von rund 3000 Kilometern wird er nur von zwei großen Brücken überquert, und es gibt keine einzige Staumauer.
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Auf dem gefährlich verschmutzten Fluss muss Amber das gut gemeinte Geschenk der Russen, einen Fisch aus dem Amur, leider zurückweisen.

Auf dem unteren Amur denken Amber, Krystle und Sabra oft an die besondere Intuition der Mongolen zurück. Schlechtes Wetter steht bevor – vielleicht wäre es besser, den Fluss zu verlassen? Sie vertrauen auf ihr ungutes Gefühl und entscheiden sich, auf dem Landweg zur Mündung des Amur fahren. Zum Glück, denn nur wenig später offenbar der Fluss seine zerstörerische Kraft, als eine gewaltige Überschwemmung die gesamte Amur-Region ins Chaos stürzt. „Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn wir auf dem Fluss geblieben wären“, sagt Amber, „aber die Zeit mit der Nomaden hat mich wieder dazu gebracht, in mich hinein zu hören und meiner inneren Stimme zu vertrauen.“

Letztendlich ist es egal, ob es nun das Holboh der Mongolen oder einfach nur die weibliche Intuition war, die ihnen das Leben gerettet hat. Die Hauptsache ist, dass es funktioniert hat.

Düstere Wolken über der Steppe: Für Becca, die kurz vor dem Trip ihren Partner verloren hat, ist es schwer, sich ganz auf die Herausforderungen der Reise zu konzentrieren.

Die Geschichte von Amber, Sabra, Becca und Krystle war Teil der European Outdoor Film Tour 14/15 – NOBODY’S RIVER begeisterte das Publikum. Mehr zur European Outdoor Film Tour und Tickets für das neue Programm unter www.eoft.eu!