Der leuchtende Pfad

adventure stories


Fotografie: © Cedar Wright, © Renan Ozturk, © Jimmy Chin

Der Weg zur Erkenntnis führt für Alex Honnold stets nach oben, am liebsten ohne Seil und Sicherung. Für ihn ist Free Solo die reinste Form des Kletterns, bei der man das Risiko nicht mit den Konsequenzen verwechseln darf. Unlängst wurde die Dokumentation FREE SOLO mit dem Oscar ausgezeichnet – ein Meilenstein für die Filmemacher aber auch für Honnold.

14. Januar 2014. Ich hänge an der Felswand, nur an einem kleinen Sandsteinvorsprung über meinem Kopf. Die Luft ist ruhig, etwas feucht. Ich vertraue darauf, dass mein linker Fuß nicht abrutscht, ziehe meinen rechten fast bis zur Hüfte hoch und strecke dann meine linke Hand zu einem entfernten Griff aus. Unter mir liegen sechshundert Fuß glattes Gestein, darunter der mexikanische Dschungel und in der Ferne die Stadt Hidalgo. Hier oben, weit weg von den Hupen und ratternden Dieselmotoren, bin ich allein und fokussiert. Ich fasse den Felsvorsprung, verlagere mein Gewicht auf die linke Seite und ziehe mich zu einem Absatz hoch. Endlich wieder in einfacherem Terrain. Ich habe die Schlüsselstelle der fünften Seillänge geschafft. Es war keinesfalls der schwierigste Teil der Route – und dennoch ist mir die Schlichtheit dieses Moments in Erinnerung geblieben. Das ist die Essenz des Free-Solo-Kletterns, wenn man fast losgelöst von der Wand und nur von Luft umgeben ist: Bewegung in ihrer reinsten Form, die es nur ohne Seil und Sicherung geben kann.

ALEX HONNOLD gehört zu den bekanntesten Free-Solo-Kletterern der Welt. 1985 in Kalifornien geboren, begann im Alter von 11 Jahren mit dem Klettern. Sein Ingenieursstudium brach er ab, um sich ganz seinem Sport widmen zu können. Alex lebt die meiste Zeit in seinem Van und klettert am liebsten im Yosemite Valley. In FREE SOLO (2018) versucht sich Honnold am El Capitan in Yosemite Valley, mit 1000 Metern eine der imposantesten Big Walls der Welt. Der Film wurde 2019 mit dem Academy Award für den Besten Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Ob ich willens bin, eine Big Wall free solo zu klettern, hängt von der richtigen Route ab. Ich suche die vollendete Kombination aus Herausforderung und Ästhetik – und fand all das perfekt vereint in der „Sendero Luminoso“: anspruchsvollstes Klettern, das meine ganze Konzentration erforderte und eine perfekte Linie zum höchsten Punkt des zerklüfteten Sandsteingrats in Potrero Chico. Schon vor fünf Jahren habe ich davon geträumt, die Route free solo zu klettern. In diesem Winter bin ich mit meinem Freund Cedar Wright zurückgekehrt, um die Route auszuputzen und die Kletterzüge zu üben. Dadurch war alles, was für mich die Reinheit und Schönheit des Free-Solo-Kletterns repräsentiert, dahin. Ich kam mit einem Partner, befestigte Seile und riss Pflanzen aus der Wand heraus. Noch dazu war eine Filmcrew unterwegs. Und all das, wegen einer erhabenen 3-Stunden-Erfahrung? Cedar und ich arbeiteten vier Tage von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, bis wir die Linie endlich sehen konnten. „Gott lächelt jedes Mal, wenn du eine Lechuguilla herausreißt“, hatte mir Jeff Jackson, einer der Erstbesteiger der Route in einer E-Mail geschrieben. Wir wussten, dass die Pflanzen schnell wieder nachwachsen und die Wand erneut in einen hängenden Garten verwandeln würden. Ich machte mir daher wenig Sorgen um ihr nachhaltiges Ökosystem. Mich beschlich nur das flaue Gefühl, dass man nicht soviel Arbeit in etwas hineinstecken sollte, das in seinem Kern eigentlich ganz einfach war.

„Das Risiko und die Konsequenzen: diese beiden Dinge sollte man nicht verwechseln.“ Alex Honnold

Doch als wir uns am vierten Tag abseilten, war es plötzlich soweit: Etwas in meinem Kopf hatte Klick gemacht. Der Gedanke „Vielleicht …“ verblasste und ein anderer drängte sich nach vorn: „Free Solo, jetzt!“ Was diesen Sinneswandel bewirkte, weiß ich nicht. Es kann sein, dass die Wand ohne Dreck und Planzen einfach einladender aussah. Komplett sauber, nur hin und da einige Spuren von Chalk. Ich hatte einen Blick auf die elegante Linie geworfen, die man einfach versuchen musste, auf einen „leuchtenden Pfad“, genau wie der Name der Route es versprochen hatte. Ich wusste, dass ich bereit war. Gleich am nächsten Tag würde ich klettern – wenn die Bedingungen es erlaubten.

Das Yosemite Valley in Kalifornien ist nach wie vor Alex’ Lieblingsklettergebiet. Hier gibt es die größten Big Walls der USA.

Am 14. Januar, machte ich mich auf den Weg. Mein Rucksack war leicht, doch auf mir lastete die Route, die mich auf den nächsten 180 Höhenmetern foltern würde. Hände und Füße waren noch wund von den letzen vier Tagen, aber als ich mich an den ersten Griffen hochzog, spürte ich es nicht mehr. Beim Free Solo hören die Schmerzen auf zu existieren. Jeder Vorsprung war griffig, jedes Fingerloch ein Anker. Wo ich meinen Fuß gestern noch mühsam verklemmt hatte, fand ich heute festen Halt. Stück für Stück arbeitete ich mich die Wand hinauf, ruhig und präzise. Im zweiten Pitch, 80 Meter über dem Boden, kam die Schlüsselstelle der Route. Eigentlich hält man sich hier an zwei senkrechten Kanten fest und stützt sich mit den Füßen auf kleinen rutschigen Vorsprünge ab. Ich hatte aber ein Loch entdeckt, perfekt für zwei Finger, das sich etwas sicherer anfühlte. Beim Chalken war ich ein bisschen nervös. Oder aufgeregt. Oder mit geschärften Sinnen aufs Äußerste gespannt. Man kann die Gefühle kaum voneinander trennen, aber es fühlte sich lebendig an. Ich wusste, dass an ich dieser Stelle alles geben musste – und genau das tat ich. Danach war ich mir sicher, dass ich die Route beenden konnte, auch wenn noch 13 Seillängen über mir lagen. Ab da war das Klettern einfach, mit jedem Schritt fühlten sich meine Füße verlässlicher an. Unter mir leuchtete die Wüste in Orange, im Tal wurde es langsam warm – aber meine ganze Aufmerksamkeit galt der schier endlosen Wand über meinem Kopf.

Ich hatte gefunden, wonach ich gesucht hatte. Ich war ein winziger Punkt in einer enormen und ebenso gleichgültigen Big Wall. Aber in diesen zwei Stunden fühlte ich Perfektion.

Mexiko | El Potrero Chico
Die Route „El Sendero Luminoso“ befindet sich im mexikanischen Klettergebiet „El Portrero Chico“, etwa drei Kilometer von der Stadt Hidalgo entfernt. Die Gegend ist berühmt für ihre Sandsteinwände und Routen in sämtlichen Schwierigkeitsgraden.