Die Hügel leben

adventure stories

Nur du, dein Auto und die Straße … und deine Familie … und ein Haufen Ausrüstung. Abenteurer Monty Halls und sein Nachwuchs finden, dass das irische County Donegal perfekt geeignet ist, das Familienleben neu zu entdecken.

Für jeden Reisenden hat eine Grenze etwas Besonderes an sich. Sie steht für einen Augenblick des Übergangs zwischen zwei Welten, einen einzigen Schritt, der von einer Umgebung in die andere führt, die Aufmerksamkeit aller Sinne schärft und die Erfahrung bereichert. Für mich gibt es keine faszinierendere Grenze als die zwischen Land und Meer. Kaum eine aber hat mehr Wunder zu bieten als die gewundene, zerrissene, unendlich vielfältige Küste von Donegal.

Donegal ist das nordwestlichste County Irlands und damit der äußerste Rand Westeuropas – einer der wenigen Orte, an denen man mit den Fersen auf einem großen Kontinent und mit den Zehen bereits in einem riesigen Ozean stehen kann. Ich habe eine besondere Beziehung zu diesen Küstenstrich, denn bei Malin Head, dem nördlichsten Punkt Irlands, hatte ich 2011 eine meiner denkwürdigsten Begegnungen mit Meereslebewesen: Ich konnte Hunderte von Riesenhaien beobachten, die das klare Wasser unter den bedrohlichen Klippen der Landzunge durchpflügten. Nie werde ich diesen Schwarm der zweitgrößten Fische unseres Planeten, angelockt von Strömung, Gezeiten, Plankton und der Sonne in einem wolkenlosen Himmel, je vergessen.

Sieben Jahre später kehrte ich mit meiner Familie dorthin zurück, um mit ihr nicht nur den Zauber der Küste, sondern auch des grünen Hinterlandes in einer der wildesten und am dünnsten besiedelten irischen Grafschaften zu erleben. Mein relativ schwaches Band, das mich mit dem Land verknüpft, besteht aus einer tief empfundenen, bleibenden Liebe für Land und Leute, die sich bei den Dreharbeiten zur BBC-Serie The Great Irish Escape vor einigen Jahren entwickelte. In den Schatten gestellt wird es jedoch von den familiären Verbindungen meiner Frau Tam zu Irland, die sich ganz klar im Aussehen unserer Töchter Isla und Molly niedergeschlagen haben, wobei besonders Molly mit ihrem feuerroten Haar praktisch ein Destillat dieser keltischen Ahnenlinie ist. Deshalb war es nur recht und billig, dass wir die Kids in ein County mitnahmen, in dem das Wasser wild, das Landesinnere geschichtsträchtig und die irische Kultur ein gehegtes und gefeiertes Gut ist.

“Welche Erlebnisse würden zu lebenslangen Erinnerungen werden?”

Für eine Woche Urlaub zu packen ist kein Pappenstiel, vor allem angesichts der hohen Anforderungen, die kleine Menschen auf langen Reisen stellen. Deshalb wurden die zeitmaschinenähnlichen Fähigkeiten des Land Rover Discovery, den wir uns für unser kleines Familienabenteuer auserkoren hatten, auf eine harte Probe gestellt. Schließlich musste er so ziemlich alles von Koffern und Rucksäcken bis hin zu Eimern und Spaten schlucken. Irgendwo dazwischen fand sogar noch eine kleine Sporttasche mit meinen Sachen Platz.

Der Discovery entlässt die Halls und ihre Wellen bretter auf den Ross­nowlagh Beach. In der Tullagh Bay tauschten wir Pferdestärken gegen Pferde und einen Ausritt am Strand.

Wir schleppten außerdem noch ein Boot mit – ich konnte schließlich nicht über 1 000 km Küste besuchen, ohne in den Atlantik hinauszufahren, wo ich Inseln und verborgenen Buchten einen Besuch abstatten wollte. Das Ziehen des Kahns war ein Genuss. Hersteller Land Rover hatte keinen Aufwand gescheut, um sicherzustellen, dass dieses ansonsten stets mit Stress verbundene Unterfangen zu einem sicheren – ich wage es kaum zu sagen – Vergnügen wurde. Das einzige Problem: Man vergisst gelegentlich, dass man überhaupt etwas hinten dranhängen hat. Ehe wir uns versahen, waren wir schon an unserem ersten Zielort angekommen – entspannt, zurechnungsfähig und sogar noch verheiratet.

Unsere Erkundungstour durch Donegal sollte eine Woche dauern – eigentlich viel zu wenig für das, was das County alles zu bieten hat. Schließlich hatte das Magazin National Geographic die Grafschaft zur Nummer eins seiner Liste der coolsten Reiseziele 2017 gekürt. Wir aber hatten versucht, den Urlaub aus dem Blickwinkel einer Sechs- und einer Vierjährigen zu sehen.

Der Discovery macht kurzen Prozess mit den Kieswegen an der Küste. Zu Fuß dagegen eroberten wir die Klippen von Sliabh Liag, was sich als Highlight erwies – besonders für die unermüdliche Isla.

Welche Erlebnisse würden zu lebenslangen Erinnerungen werden? Was würde die Fantasie der Kleinen beflügeln? Wir gingen davon aus, dass gute Restaurants und verschlafene Boutique-Hotels auf der Prioritätenliste der Kleinen nicht die vordersten Plätze einnehmen würden, auch wenn Donegal reichlich davon zu bieten hat. Wir wollten in die Vollen gehen, uns in den Schmutz werfen, braun, salzig und sandig werden. Deshalb hatten wir eine Route geplant, auf der wir die Wildnis hautnah erleben konnten – ein touristischer Rundumschlag, der jede Facette unseres Fahrzeugs und unserer Erfindungsgabe in Anspruch nehmen würde. Ich war schon immer der Meinung, dass es keinen besseren Entdecker als ein Kind gibt. Nun hatten wir zwei davon, die auf dem Rücksitz herumhopsten und nur darauf warteten, abgeschnallt und auf die Landschaft losgelassen zu werden.

Tatsächlich ist das County eine Art Spielplatz für jedes Alter. Mit einer Fläche von 4 861 km2 und einer Bevölkerung von nur 160 000 Seelen besteht die Gegend über weite Strecken vorwiegend aus Wildnis mit Meeresarmen, Torfmooren, Wäldern und Bergen. Ich bin nicht ganz sicher, wann ein Hügel zum Berg wird, aber was den beiden Höhenzügen Derryveagh und Blue Stack an Höhe fehlt, machen sie durch Erhabenheit wett.

Ich hatte allerdings vor, den Urlaub mit Salzwasser zu taufen, weshalb wir zum hübschen Küstenstädtchen Portnablagh fuhren, um dort unsere Zehen ins Wasser zu halten. Dabei stellten wir fest, dass man in ganz Donegal im Grunde bis zum Strand fahren kann, was ich in tiefster Dankbarkeit über die herausragende Gängigkeit des Discovery auf Sand auch tat. Weil anscheinend in der Hochsaison jeden Tag irgendwo ein Auto unfreiwillig zum Amphibienfahrzeug wird, sobald die Flut steigt, war es beruhigend zu wissen, dass ein übereilter Rückzug auf höher gelegenes Terrain im Discovery bei Bedarf ohne Probleme möglich wäre.

Dabei bekam ich auch gleich Gelegenheit, den Activity Key einzusetzen, den ich zu meiner Schande erst kurz vor der Abfahrt im Handschuhfach entdeckt hatte. Doppelt peinlich war es, weil ich die Schlüssel bei jedem Surf- oder Tauchausflug der letzten Monate in Grasbüscheln versteckt hatte, anstatt mir das Band einfach um das Handgelenk zu binden. Besser spät als nie: Ich schnallte den Key an einen Stiefel, hörte ein beruhigendes Summen der Zentralverriegelung und sprintete los, um die Kids einzuholen, die schon kreischend in die kristallklaren, flachen Wellen sprangen.

Wir hatten beschlossen, mit dem Kajak zu einem Felsenbogen vor der Küste zu paddeln, bei dem, wie ich Isla und Molly erzählte, Meerjungfrauen lebten. Molly saß zwischen meinen Knien im Kajak und versicherte mir, dass sie tatsächlich eine Nixe beim Fangen eines Fisches erspäht hatte, was mir natürlich entgangen war, weil „nur kleine Mädchen Meerjungfrauen sehen können“, eine Begründung, die wir beide logisch fanden.

Am Abend fuhren wir, erhitzt von der Sonne und den Erinnerungen an den Tag, zu unserer Unterkunft, einem Leuchtturm. Aber nicht irgendeinem alten Leuchtturm, sondern dem 1817 errichteten, 22 Meter hohen Fanad Lighthouse auf der Fanad Peninsula. Man stelle sich die Vorfreude darauf bei einem Kind (und einem 51-Jährigen) vor! Der über 79 Stufen hart erkämpfte Ausblick von oben war so unglaublich überwältigend, dass sogar die Kleinen mit offenem Mund dastanden – wenn auch nur für kurze Zeit. Wir übernachteten im geschichtsträchtigen alten Wärterhäuschen und schliefen zum rhythmischen Klang des Meeres in den Buchten tief unter unseren Betten ein.

Als Nächstes stand ein Ausritt entlang des Strandes auf dem Programm. Inzwischen sollte ich wohl aufhören, so zu tun, als ginge es einzig und allein darum, die Träume zweier kleiner Mädchen wahr werden zu lassen: Auch ein großer Mann mittleren Alters hatte vielleicht das eine oder andere auf seiner To-Do-Liste mit einfließen lassen. Wir verbrachten den Tag im Tullagh Bay Equestran Centre, einem Pferdehof, dessen unendlich geduldige Belegschaft Himmel und Hölle in Bewegung setzte, um die ganze Familie für einen Ritt durch die Dünen von Tullagh Beach auf den Rücken der Pferde zu bekommen. Molly saß mit großen Augen auf dem kleinsten Pony, das ich je gesehen hatte. Ich dagegen hockte – als personifizierter Kontrast – auf einem Koloss von einem Pferd namens Jack, einem duldsamen Tier, dessen einzige Reaktion auf die unfähige Witzfigur auf seinem Rücken ein gelegentliches Augenrollen und verächtliches Schnauben war.

In den darauffolgenden Tagen durchstreiften wir die Grafschaft, besuchten das Museumsdorf in Glencolmcille – ein malerischer Ort, in dem das Leben aber bisweilen alles andere als leicht gewesen sein muss. Vielleicht spielt die Gemeinschaft in Donegal deshalb bis heute eine so wichtige Rolle: Die Menschen begegnen einem mit Herzenswärme und echtem Interesse, wollen wissen, wer man ist, wo man herkommt und wohin man geht.

Unser ungewöhnlichstes Ziel, Port, lag am Ende eines langen, steinigen Wegs, der wiederum die Verlängerung einer endlose Kilometer langen, schmalen Straße durch nebelige Torfmoore war. An seinem Ende stand Port Cottage, ein restauriertes Gebäude in einem seit langem verlassenen Weiler, von dem aus man direkt in den Gewehrlauf des Atlantiks blickte. Das Cottage hatte eine Ausstattung, die sich bestenfalls als schlicht bezeichnen lässt. Aber gerade das war der Reiz.

In der Ecke eines stimmungsvollen Raums brannte ein Torffeuer. Neben einer Küchenzeile befand sich ein Wohnbereich mit allerlei Fundstücken aus dem Meer. In der Bucht unter der Hütte avancierte Isla in Be­glei­tung des unvergleichlichen Ian Millar, einer örtlichen Kletterlegende, zum jüngsten Menschen, der je auf den Brandungspfeiler in der Nähe geklettert war. Sie stand dort oben mit triumphierend erhobenen Armen, während 50 Meter unter ihr die See tobte und die Möwen kreisten.

„Eine echte Entdeckungsreise zu Land und zu Wasser“

Aber der letzte Höhepunkt stand uns noch bevor. Mit dem Boot wollte ich meine Familie zu einem Ort bringen, der mich schon immer fasziniert hatte: Malin Head. Hier hatte ich vor vielen Jahren meine Begegnung mit den Riesenhaien gehabt.

Das Zuwasserlassen des Bootes bot auch gleich die Gelegenheit, den Anhängerassistenten auszuprobieren, mit dem sich der Anhänger selbst über engste Ablaufbahnen manövrieren lässt. So steht man wie ein erfahrener alter Hase da, obwohl nicht das eigene Fingerspitzengefühl, sondern ein Triumph der Technik die ganze Arbeit getan hat. Das aber blieb mein kleines Geheimnis, als ich das Lächeln eines Einheimischen am Pier mit einem bescheidenen Nicken quittierte.

Mit dem Anhänger­assistenten wird das Manövrieren des Boots zum Vergnügen.

Wir verbrachten den Großteil des Tages auf See, fuhren nach Inishtrahull Island, eine Insel, die für viele das Letzte war, was sie bei je von Irland sahen, als sie in die Neue Welt aufbrachen. Hier wurden vermutlich mehr Tränen vergossen als an jedem anderen Ort im Land. Da kontaktierte uns ein Boot per Funk, um uns mitzuteilen, dass sich eine Delfinschule vor den Klippen tummelte. Ich riss das Steuer herum und raste zu einem Rendezvous, auf das ich viele Jahre gewartet hatte.

Wir waren nach Donegal gekommen, um unseren Kindern ein Land zu zeigen, das wir für einen der schönsten Plätze Europas, ja, der Welt hielten – und als wir bei Malin Head ankamen, jagten uns Delfine entgegen, um uns zu begrüßen. Binnen Sekunden war unser Boot von schlanken grauen Silhouetten umgeben, die sich in den Wellen drehten und in unserem Kielwasser aus dem Meer schossen, stets begleitet vom vergnügten Kreischen und Lachen von Isla und Molly.

Die Begegnung war der würdige Abschluss einer Woche an einem ganz besonderen Ort am Rande des Kontinents – sieben Tage, die sich als eine echte Entdeckungsreise zu Land und zu Wasser herausstellte.

„Delfine drehten sich in den Wellen und schossen in unserem Kielwasser aus dem Meer.“

1/2
Auf See erwartet die Halls ein Genuss sondergleichen: eine Begegnung mit aus­gelassenen Delfinen.