Dschungelfieber

adventure stories

Der Magie des Rio Alseseca mit seinen reißenden Wasserfällen kann kein Kajaker widerstehen. Tyler Bradt trotzt Dauerregen und bissigen Moskitos, auch wenn der Trip zum Härtetest für die Crew und das Equipment wird.

Der Morgen taucht den Dschungel in diesiges Licht. Summen und Brummen von allen Seiten. Feuchtigkeit hängt in der Luft. Nach vier Tagen Regen glänzt der Urwald vor Nässe, genauso wie die Augen von Erik Boomer, Tyler Bradt und Galen Volkhausen. Mit geschulterten Kajaks folgen sie dem ausgetretenen Pfad in Richtung Fluss. Was könnte es Besseres geben, als an einem verregneten Tag noch nasser zu werden?

Unter Kajakern ist der Rio Alseseca in Mexiko längst kein Geheimtipp mehr, doch seine Faszination hat er noch immer nicht verloren. Er liegt abgeschieden im Dschungel, ist nur nach mehrstündiger Fahrt über Buckelpisten zu erreichen. Für die meisten Einheimischen, die in den Dörfern ringsum leben und die Bananenplantagen bewirtschaften, ist der Fluss im Wald vor allem eines: wild und gefährlich, mit Booten kaum befahrbar und eigentlich uninteressant.

Tlapacoyan im mexikanischen Bundesstaat Veracruz ist der perfekte Ausgangspunkt für eine Kajakexpedition in den mexikanischen Dschungel, vor allem im Herbst, wenn starke Regenfälle die Flüsse anschwellen lassen, die nach zahlreichen Wasserfällen schließlich in die Karibik münden.

Nicht so für Profi-Kajaker. Zwar lieben sie die Stromschnellen und das schäumende Whitewater des Rio Alseseca, doch im Grunde ist es die höchste Konzentration an befahrbaren Wasserfällen auf der ganzen Welt, die Jahr für Jahr wieder neue Profi-Kajaker in den Urwald locken. Allzu viele sind es ohnehin nicht. In der Szene schätzt man, dass es ungefähr 200 Sportler gibt, die sich auf so einem hohen Niveau bewegen. Für sie alle muss ein ganz besonderer Reiz darin liegen, mit dem Kajak einen Wasserfall hinunterzurauschen: über die Kante zu paddeln, genau die richtige Linie zu erwischen und inmitten tosender Wassermassen in Richtung Boden zu stürzen. Der freie Fall dauert nur wenige Sekunden, doch Kajaker verbringen im Vorfeld Stunden damit, einen Wasserfall genau zu analysieren, um sein Fließverhalten kennenzulernen und exakt den richtigen Punkt an der Abbruchkante zu treffen. Wobei es genauso wichtig ist, unten im richtigen Winkel einzutauchen und sein Paddel rechtzeitig loszulassen, damit der Aufprall auf der Wasseroberfläche so glatt wie möglich verläuft. Dann verschwinden die Kajaks sekundenlang komplett unter der Wasseroberfläche – bevor sie wie Korken wiederauftauchen. Eine athletische Meisterleistung, dynamisch und von großer Ästhetik.

„Die einzigen existierenden Grenzen sind diejenigen, die du dir selbst erschaffst.“
Tyler Bradt

»Ein kalkulierbares Risiko.« So sieht es Tyler Bradt, der 2009 an den 56 Meter hohen Palouse Falls in Washington einen Weltrekord aufgestellt hat. Ihm ist bewusst, was alles schiefgehen kann. Nicht jedes seiner Flussabenteuer – und er hat mit seinem Kajak schon viele wilde Flüsse in aller Welt bereist – ist glimpflich verlaufen. Aber auch ein gebrochener Rückenwirbel, der ihn 2011 drei Monate außer Gefecht setzte, konnte ihn nicht davon abhalten, wieder ins Kajak zu steigen: »Ich würde lieber mein Leben riskieren, als zu riskieren, nicht zu leben«, sagte er einmal in einem Interview. »Die einzigen existierenden Grenzen sind diejenigen, die du dir selbst erschaffst.«

»Big Banana« im mexikanischen Dschungel ist mit seinen knapp 40 Metern der zweithöchste Wasserfall, der jemals befahren wurde. Doch Chancen auf einen neuen Rekord haben sich die Kajaker hier ohnehin nicht ausgerechnet. Einmal angekommen, geht es ihnen viel mehr darum, das Dschungelabenteuer möglichst heil zu überstehen. Der einwöchige Trip ist eine Idee von Erik Boomer, dem es gelingt, innerhalb weniger Tage zwei der weltbesten Kajaker und einige befreundete Filmemacher zu überreden, ihm in den Dschungel zu folgen. Nach dem überstürzten Aufbruch stellt sich schnell heraus, dass es keine gute Idee gewesen ist, trotz tropischer Temperaturen in Shorts und Flipflops anzureisen. Die Insektenpopulation scheint nur darauf gewartet zu haben, den bleichen Eindringlingen einen schmerzhaften Willkommensgruß zu bereiten. Ihre juckende Füße sind für sie schon bald realer als sämtliche Knochenbrüche, die man sich beim extremen Kajaken zuziehen kann.

Im freien Fall sind volle Konzentration und absolute Körperbeherrschung gefragt.
Um Tyler Bradt aus dieser Perspektive zu fotografieren, hing Tim Kemple an einem Sicherungsseil nur wenige Meter vom tosenden »Tomata 1« entfernt.

Die Mexikaner aus der Umgebung betrachten sie mit ungläubigen Augen. Im Gegensatz zu den Besuchern sehen die Einheimischen trotz Dauerregen nie nass und schmutzig aus. Der ständige Regen drückt zwar die Stimmung im Team, aber wenn es darum geht, einen 40 Meter hohen Wasserfall hinunterzufahren, dann machen ein paar Tropfen Wasser von oben auch keinen Unterschied mehr. Und überhaupt: Bekommen wilde Orte nicht erst dadurch ihren Reiz, dass man sich außerhalb seiner Komfortzone bewegt? Soviel steht fest: Der menschliche Körper ist gegenüber Dauerregen deutlich widerstandsfähiger, als sämtliche Foto und Videokameras zusammen.