In Mittelerde

adventure stories

Der Neuseeländer Kieran McKay ist ein Nachtschattengewächs. Als Höhlenforscher blüht er erst unter Tage so richtig auf. Fasziniert von den gigantischen Hohlräumen, die sich unterhalb seiner Heimatinsel befinden, startet er immer wieder neue Streifzüge in die ewige Dunkelheit.

Kieran McKay ist ein Mensch, der gerne Licht ins Dunkel bringt. Dem es nichts ausmacht, sich stundenlang in gebückter Haltung durch nasskalte und windige Gänge zu kämpfen, wenn er nur am Ende des Tages den völlig durchnässten Overall ausziehen kann, um sich in einen trockenen Schlafsack zu kuscheln. Ziel der heutigen Etappe ist die Salvation Area. Eine Felshöhle, deren Gesteinsformationen im flackernden Licht zweier Kerzen auf bizarre Weise lebendig werden. Alsdie Flammen verlöschen, bricht vollkommene Dunkelheit herein. Dieser Ort ist Kieran vertraut. Der 49-jährige Outdoor-Guide hat schon viele Nächte inmitten des gigantischen Höhlenlabyrinths verbracht, vom Eingang kilometerweit entfernt. Er ist darin durch eiskalte Bäche gewatet, hat Hügel von losem Gestein erklommen und sich neben tosenden Wasserfällen in scheinbar bodenlose Tiefen abgeseilt. Bergsteigerische Erfahrung ist nützlich, wenn man die Tiefen der Erde erkunden will, die Grundvoraussetzung ist jedoch eine ganz andere: »Was mich antreibt, ist Neugier«, sagt Kieran, »die Leidenschaft, herauszufinden, wohin dieser Gang führt und was sich hinter der nächsten Ecke verbirgt.« Die Orientierung in dieser Welt ohne Horizont, ohne einen fixen Bezugspunkt fällt ihm leichter als anderen Menschen. »Man versucht eben, sich die einzelnen Passagen so gut wie möglich einzuprägen. Nicht zu wissen, wo man sich genau befindet, kann dich verrückt machen. Aber ich mag es. Ich habe mich daran gewöhnt.«

Neuseeland
Über die Jahrtausende haben Unmengen von Wasser zahlreiche Höhlen in den porösen Kalksteinboden Neuseelands gegraben. Bekannt sind vor allem die Waitomo Caves auf der Nordinsel sowie die Gegend rund um Nelson auf der Südinsel, wo sich auch das Stormy-Pot-Nettlebed-System befindet.

Mit seinem Team hat er die Höhle erkundet und vermessen, von einer Ecke zur anderen, ganz traditionell mit Kompass und Neigungsmesser. Tief im Bauch der Erde ist Kieran komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Er hat keine Chance, seine Position per GPS zu bestimmen, und auch keine Möglichkeit, zu Hause anzurufen. So gesehen und was die Navigation angeht, gleicht eine Höhlenexpedition einer Reise in die Vergangenheit, auch wenn Stirnlampen, Batterien und gefriergetrocknete Lebensmittel zur Standardausrüstung gehören. Hier unten gibt es noch Orte, die kein menschliches Auge je gesehen hat. Jedes Mal, wenn Kieran den Schein seiner Taschenlampe zum ersten Mal über einen unterirdischen See wandern lässt oder jahrtausendealte Tropfsteinformationen bewundert, überkommt ihn ein Gefühl der Demut: »Neues Land zu entdecken, ist eine besondere Erfahrung. Man wird ganz bescheiden und ist einfach nur glücklich.« Nebenbei erweist er auch der Wissenschaft einen Dienst, wenn er als Erster bislang unbekannte Höhlen kartiert. Weil es keine spezielle Ausrüstung für das Caving gibt, erobert Kieran McKay neues Terrain in Gummistiefeln und mit Putzhandschuhen. Die Stiefel sind leicht, trocknen schnell und ihre Sohle bietet auf dem oft glitschigen Untergrund den besten Halt. Die Handschuhe schützen vor Nässe, Kälte und scharfkantigem Gestein. Hohe Hallen, schmale Spalten: Die Welt unter Tage ist voller Gegensätze, und manchmal ist es nicht nur die Schönheit, die einem den Atem raubt. Manchmal wird es eng. Die Hinkle Horn Honking Holes und die Gates of Troy sind solche Passagen, die man besser mit angehaltenem Atem passiert, im vollsten Vertrauen, dass sich die Felsen nicht bewegen und den Rückweg blockieren.

Caving und Bergsteigen sind sich sehr ähnlich. Klettern, Abseilen und der Gebrauch von Steigklemmen sind fester Bestandteil jeder Höhenexpedition.
Der Eingang zum Stormy Pot Höhlensystem. Hier befinden sich die Caver nach mehrmaligem Abseilen schon bald in 470 Metern Tiefe.
Das Stormy-Pot-Nettlebed-Höhlensystem, hier dargestellt im Querschnitt, ist mit 1174 Metern das tiefste bekannte Höhlensystem der südlichen Hemisphäre. Es erstreckt sich auf einer Länge von 38,3 Kilometern unterhalb der Mt. Arthur Range im Norden der neuseeländischen Südinsel.
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In unbekannten Höhlen weiß man nie, was sich hinter der nächsten Ecke verbirgt. Oft kann Kieran die Wunder der Natur als Erster in Augenschein nehmen.

»Die größte Angst habe ich vor losem Gestein«, sagt Kieran, »wenn es irgendwo rumpelt, und ich nicht weiß, ob der Brocken mich vielleicht erwischt. Erdbeben habe ich schon viele erlebt, aber das fühlt sich hier unten bloß an, als ob eine U-Bahn direkt neben dir vorbeifährt.« Viel gefährlicher sind Verletzungen. Schon mit einem gebrochenen Bein ist es unmöglich, sich durch die verwinkelten Engpässe zu quetschen. »Wir hinterlassen zwar Wegzeichen an manchen Abzweigungen, aber eigentlich wollen wir die Höhle so verlassen, wie wir sie vorgefunden haben. Nur wenn jemand verletzt ist, würden wir einen Durchgang sprengen.«

Wenn Sprengstoff nicht nur im äußersten Notfall erlaubt wäre, hätte es wohl keine 40 Jahre gedauert, um die Verbindung zwischen den Höhlensystemen Stormy Pot und Nettlebed zu finden. Kieran ist es im Januar 2014 endlich gelungen. »Die Suche nach der Verbindung läuft seit den 1970er-Jahren, wir hatten einfach Glück, sie zu finden«, sagt er bescheiden. Ein Erfolg, den er auch seinem Team zu verdanken hat: Troy Watson, Bee Fradis, Tim Shaw, Marcus Thomas, Neil Silverwood und seiner Frau Pip Rees. »Die Leute, mit denen ich im Moment unterwegs bin, sind das beste Team, das ich je hatte. Wir passen aufeinander auf.«

Gemeinsam prüfen sie jedes Loch, jede Felsspalte und entdecken zunächst einen Bach, der die beiden Höhlen verbindet. Monate später findet Kieran endlich auch eine Felsspalte, durch die sie von einer Höhle in die andere klettern können. Seitdem können geübte Caver innerhalb von zwei Tagen das gesamte Höhlensystem durchqueren: am besten bergab, von Stormy Pot nach Nettlebed. Kieran freut sich, dass sein Erfolg vergleichsweise viele Menschen auf den exotischen Sport Caving aufmerksam gemacht hat. Auf seinen Lorbeeren ausruhen möchte er sich aber nicht. Denn: »Der Ruf des Unbekannten ist sehr verlockend.«

Der Film CAVE CONNECTION war Teil der European Outdoor Film Tour 14/15. Eure Tickets für die neue Tour bekommt ihr unter www.eoft.eu!

Fließt dieses Wasser von Stormy Pot nach Nettlebed? Ein Kontrastmittel soll Aufschluss geben.

“Ich werde oft gefragt, warum ich in kleinen Löchern im Boden herumkrieche«, sagt Kieran. Doch über diese falsche Vorstellung vom Höhlen- forschen kann er nur lächeln.”