Wintersurfer

adventure stories

Die beiden norwegischen Surfer Inge Wegge und Jørn Nyseth Ranum wollen in einer selbstgebauten Hütte am Polarkreis überwintern. Das Feuerholz für den Ofen liefert das Nordmeer gratis – doch es werden auch Unmengen von Plastikmüll an Land gespült. Wenn sie nicht wollen, dass ihr Surfparadies zur Müllkippe verkommt, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die Bucht aufzuräumen.

Eine alte, verrostete Tonne, die vermutlich jahrzehntelang im Ozean dahintrieb – sie dient jetzt als Ofen. Das Holz knistert, die Tonne dampft, die kalte Feuchtigkeit ist zumindest auf diesen wenigen Quadratmetern auf dem Rückzug. Nach mehreren Wochen Arbeit haben Inge Wegge und Jørn Nyseth Ranum sich so etwas wie ein Zuhause gebaut inmitten der Kälte, sie freuen sich wie kleine Kinder. Denn das Feuer bedeutet, dass sie länger bleiben können an jenem Ort, den sie für sich als vorübergehendes Paradies ausgemacht haben.

»Am wichtigsten war uns, so gut wie jeden Tag surfen gehen zu können. Und zweitens, dabei ein einfaches Leben zu führen«, erzählt Inge Wegge über die ursprüngliche Idee. Dafür suchten sie sich einen Ort an der Küste Nordnorwegens aus. Auch wenn einige Menschen ihn schon aufgespürt haben – die genaue Lage würden die beiden gerne geheim halten. Jeder kann sein eigenes Paradies finden, glaubt Inge.

Alte Wikinger-Behausungen waren das Vorbild für Inges und Jørns Hütte. Werkzeug und Nägel hatten sie mitgebracht, den Rest des Baumaterials fanden sie am Strand.

Dieses hier sieht folgendermaßen aus: Links und rechts Hunderte Meter hohe Felswände, geradeaus das Nordmeer mit vielen krachenden Wellen. Weil diese Wellen im Winter höher sind als im übrigen Jahr, haben sie beschlossen, die Temperaturen so gut es geht zu ignorieren. Es gibt keinen Plan, wie lange sie bleiben wollen.

Sie bleiben neun Monate. Und stellen dabei fest, dass ultimatives Freiheitsgefühl und soziales Engagement durchaus zusammenpassen können.

Am Anfang ist der Strand voller Müll. Die fünf Quadratmeter kleine Hütte, die aussieht wie von Hobbits erbaut, sägen, kleben und zimmern sie ausschließlich aus all den Überresten zusammen, die andere Menschen irgendwann zuvor ins Meer geworfen haben. Selbst mitgebracht haben sie bloß das nötigste Werkzeug. Aus Holzpaletten und zerdellten Bojen bauen sie sich eine Schubkarre. Alles wirkt wie eine Baustelle an einem sehr abseits gelegenen Wertstoffhof.

Was sie nicht verwenden können, packen sie in weiße Plastiksäcke. Am Schluss wird der Müll, der teilweise seit 30 Jahren dort lag, von einem Helikopter abgeholt, über drei Tonnen. Inge sagt stolz: »Als wir den Strand verließen, gab es dort keinen Schraubverschluss oder Plastikkorken mehr.«

Norwegen
Das 323 000 Quadratkilometer große skandinavische Land besitzt dank der zahl- losen Fjorde über 80 000 Kilometer Küste – neben dem Festland besteht es aus insgesamt rund 150 000 Inseln. Die meisten der gut fünf Millionen Bewohner leben in den großen Städten im Süden. Der Norden ist nur dünn besiedelt, wird aber jedes Jahr von Millionen Touristen besucht.

Jørn Nyseth Ranum
Früh übt sich: Schon als Kind konnte Jørn kaum die Finger von der väterlichen Videokamera lassen, um sein Spielzeug damit zum Leben zu erwecken. Später standen das Snowboard und kleine Geschichten aus dem Alltag im Mittelpunkt seines dokumentarischen Interesses. Er experimentierte mit Schnitt, Ton und Bildern, konzentriert sich aber seit dem Studium an der Nordland Hochschule für Kunst und Film (Lofoten) auf die Arbeit mit der Kamera.

Inge Wegge
Die Abenteuerlust liegt bei Inge in der Familie. Mit seinen beiden Brüdern reiste er 2014 auf die Bäreninsel in der Barentssee – inklusive Snowboard, Paraglider, Jurte und Surfbrett. Während des Studiums an der Nordland Hochschule für Kunst und Film entdeckten Inge und Jørn den einsamen Strand, der zum Ausgangspunkt ihres gemeinsamen Abschlussfilms wurde. Seit der Veröffentlichung von North of the Sun arbeitet Inge an Produktionen für das norwegische Fernsehen.

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Surfer-Paradies? Manchmal gefror den beiden Aussteigern sogar das Wasser im Neoprenanzug.

Es bleibt gar nicht so viel Zeit für ihr Hobby. »Wir sind zwar auch manchmal nachts raus und haben unter Polarlicht und Sternen gesurft«, erzählt Inge. Doch insgesamt gibt es im Winter in Nordnorwegen selten mehr als zwei, drei Stunden Sonnenlicht pro Tag, für ein paar Wochen ist es sogar komplett duster. Wenn Wegge schon beim Aufwachen in der Hütte seinen Atem sehen kann, ist ihm klar: Es wird ein kalter Tag. Nach dem Surfen friert auf dem Weg zur Hütte oft das Wasser in ihren Neoprenanzügen, die dann an der Haut kleben. Ein schwacher Trost: »Bevor wir losgingen, schütteten wir kochendes Wasser über die Anzüge. Das hält zwar nicht lange vor, aber es war ein gutes Gefühl, in etwas Warmes zu steigen.«

Wenn er abends in einem löchrigen Anzug und durchgefroren zur rettenden Hütte rennt, fragt sich Inge oft: Warum mache ich das alles eigentlich? Doch jedes Mal, wenn er wieder mit Ranum am Feuer sitzt, ist ihm klar: Es war ein schöner Tag. Frost muss nicht zu Frust führen. »Wir haben nach dem Motto gelebt: Reiches Leben, einfache Mittel«, sagt Inge. Es geht nicht darum, einen neuen Rekord aufzustellen. Es geht darum, den Alltag zu genießen, ohne das, was man vermeintlich dazu braucht: Luxus. Stattdessen führen sie ein Leben ohne Deadlines, auch ohne Gehalt. Abends lesen sie sich aus Büchern von Knut Hamsun oder Thor Heyerdahl vor. Ganz selten steigt Inge auf einen der Felsen, macht sein Handy an und telefoniert. Seine Freundin lebt zu dieser Zeit in Neuseeland. Sie essen viel Fisch aus dem Meer, zum Frühstück gibt es meist Brei mit getrockneten Früchten. Sie haben kostenlose Lebensmittel dabei. In Skandinavien gibt es viele Supermärkte, in denen man alles mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum umsonst mitnehmen darf. Die Kehrseite: »Viel Freizeit hatten wir nicht, es gab immer was zu tun. Feuerholz hacken, Essen machen oder sonst was.«

Doch das empfanden sie bald nicht mehr als störend. Die Sehnsucht nach Surfen war der Anlass gewesen, sich die passende Bucht zu suchen. Doch später merken beide, dass ihnen der Aufenthalt noch mehr gegeben hat als perfekte Wellen: »Der ganze Druck und Stress, triviale Dinge wie Ladenöffnungszeiten, alle Regeln und Eindrücke, die einen ablenken, verschwanden mit einem Mal. Dann kann man sich auf eine Sache konzentrieren und sich darüber freuen, was man gerade tut.« Als das erste Mal nach dem Winter die Sonne die Bucht wieder erreicht, machen sie mal: nichts. Sie stehen einfach da und genießen die Strahlen im Gesicht.

Die fünf Quadratmeter kleine Hütte bedeutet einen Hauch Gemütlichkeit inmitten einer unwirtlichen, aber schönen Landschaft. Sie steht immer noch und wird mittlerweile von Nachahmern genutzt, die herausgefunden haben, wo sich der geheime Ort befindet.
Die Lofoten
Die Lofoten bestehen aus sieben Haupt- und gut 70 kleineren Inseln, insgesamt leben dort rund 24 000 Einwohner in einer weitgehend kargen, aber spektakulären Landschaft mit vielen Fjorden und bizarren Felsformationen. Alle Inseln liegen nördlich des Polarkreises, doch dank des wärmenden Nordatlantikstroms bewegt sich im Winter die Temperatur lediglich im einstelligen Minusbereich.
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Nach der Arbeit das Vergnügen: Jørn und Inge beim Surfen.

Alle Termine und Tickets für das neue Programm der European Outdoor Film Tour findet ihr unter www.eoft.eu!

Der Film über das nordische Surfparadies und die beiden Jungs NORTH OF THE SUN war Teil der European Outdoor Film Tour 13/14. Neugierig geworden? HIER „NORTH OF THE SUN“ STREAMEN:
https://vimeo.com/ondemand/northofthesun